Am 16. September 2026 wurden in der IG Architektur in Wien in kurzen Vorträgen die wesentlichen Erkenntnisse der Studie „reduce – CO₂-Einsparpotenzial durch verstärkten Einsatz von Holz im Geschosswohnungsbau“ präsentiert.
Eines wurde dabei klar, Gebäude werden heute immer energieeffizienter betrieben und der größere Hebel sitzt oft schon in der Herstellung. Eine aktuelle Studie der TU Wien zeigt, wie stark Holz im mehrgeschossigen Wohnbau graue Emissionen senken und Kohlenstoff speichern kann.
Neue Wohnbauten verbrauchen im Betrieb deutlich weniger Energie als noch vor wenigen Jahrzehnten. Dämmung, Fenster und Haustechnik haben die Nutzungsphase verbessert. Gleichzeitig wächst der Anteil der sogenannten grauen Emissionen – also jener Treibhausgase, die bei Gewinnung, Transport und Herstellung der Baustoffe entstehen. Genau dort setzt die Studie „reduce – CO₂-Einsparpotenzial durch verstärkten Einsatz von Holz im Geschosswohnungsbau“ an.
Erstellt wurde sie an der BMLUK-Stiftungsprofessur für Holzbau und Entwerfen im urbanen Raum der TU Wien von Univ.Prof. Arch. mag. arch. Juri Troy, Projekt.Ass. Arch. DI Kerstin Schön und Univ.Ass. Arch. Jakobus Schwarz M.A. Kooperationspartner sind unter anderem proHolz Austria sowie mehrere Architekturbüros – darunter MAGK Architekten Aichholzer | Klein.
Was wurde untersucht?
Die Forscherinnen und Forscher haben 20 geplante oder realisierte Wohnbauten in Österreich betrachtet. Jedes Projekt bekam ein funktionell gleichwertiges „Zwillingsgebäude“ in der jeweils anderen Bauweise: Holz bzw. Holzhybrid gegen mineralischen Stahlbeton.
Bilanziert wurde nicht das ganze Haus, sondern die Primärkonstruktion in den Lebenszyklusmodulen A1–A3 (Rohstoff, Transport, Herstellung) nach ÖNORM EN 15804 und EN 15978. Gemessen wurde das Treibhauspotenzial (GWP) – aufgeteilt in fossile Emissionen und biogen gespeicherten Kohlenstoff.
Kurz gesagt es stellt sich die Frage, wie viel CO₂ entsteht, wenn man tragende Wände, Decken und vergleichbare Bauteile in Holz statt in Beton ausführt und wie viel Kohlenstoff bleibt im Holzgebäude gespeichert.
Das zentrale Ergebnis
Über alle untersuchten Gebäudeklassen ergibt sich ein durchschnittliches Potenzial von
204 kg CO₂-Äquivalent pro Quadratmeter Brutto-Geschossfläche.
Dieser Wert verbindet zwei Effekte:
– Weniger fossile Emissionen, weil emissionsintensive Baustoffe ersetzt werden.
– Kohlenstoffspeicher, weil Bäume der Atmosphäre CO₂ entzogen haben und dieser Kohlenstoff im Gebäude bleibt.
Die Studie formuliert es so: Bis zu 50 Prozent der Emissionen (GWP total, A1–A3) einer konventionellen Stahlbetonkonstruktion können durch Holz in der Primärstruktur vermieden werden.
Diese zwei Vergleichszahlen machen den Unterschied greifbar:
– 1 m³ Holz bindet je nach Holzart bis zu 250 kg Kohlenstoff und entzieht der Atmosphäre rund 1 Tonne CO₂.
– 1 m³ Stahlbeton setzt je nach Herstellung rund 350 kg CO₂-Äquivalent frei.
Niedrige Häuser sparen pro Quadratmeter mehr
Das Einsparpotenzial ist nicht in jedem Gebäude gleich. Es sinkt mit der Höhe – vor allem, weil in höheren Bauten Sockel, Erschließung und Brandschutz häufiger in Beton bleiben.
Trotzdem gilt, auch höhere Häuser können in Summe viel bewirken – einfach weil sie größer sind. Besonders wirksam ist Holz dort, wo viel Masse steckt, vor allem in den Geschossdecken und bei kompakteren Bauten auch in der Hülle.
Was das für eine Wohnung bedeutet
Die Studie rechnet die Kennwerte auf alltagsnahe Größen um:
– Elternschlafzimmer mit 13,5 m² ergibt rund 4 Tonnen CO₂ weniger
– Wohnung Typ C mit 75 m² ergibt rund 22 Tonnen CO₂ weniger
– Regelgeschoss mit 340 m² Wohnfläche ergibt rund 100 Tonnen CO₂ weniger
Eine typische Wohnung für drei Personen in Holzbauweise spart in der Herstellung also in etwa so viel wie viele Jahre Autofahren oder Heizen eines Einfamilienhauses – je nach Vergleichsgröße.
Für Österreich bedeutet dies ein kleines Plus mit großer Wirkung
Im mehrgeschossigen Wohnbau liegt der Holzanteil in Österreich aktuell bei rund 3,5 Prozent. Bereits damit werden rechnerisch etwa 26.900 Tonnen CO₂-Äquivalent pro Jahr vermieden.
Ohne zusätzliche politische Impulse würde der Anteil bis 2050 nur auf etwa 5,5 Prozent steigen. Mit gezielten Maßnahmen sieht die Studie deutlich mehr:
– Plus 2 Prozentpunkte alle fünf Jahre: Das jährliche Einsparpotenzial würde sich bis 2050 gegenüber 2025 etwa vervierfachen.
– Plus 5 Prozentpunkte alle fünf Jahre: Der Holzanteil läge 2050 bei rund 28,5 Prozent. Dann könnten allein durch die Konstruktion mehrgeschossiger Wohnbauten jährlich rund 219.000 Tonnen CO₂-Äquivalent vermieden werden – kumuliert bis 2050 knapp 2,6 Millionen Tonnen.
Es wichtig dabei zu beachten, dass selbst im ambitionierten Szenario der Großteil des Wohnbaus konventionell bleibt. Der Hebel ist also noch lange nicht ausgereizt.
Und das Burgenland?
Hier wird die regionale Lage besonders deutlich. Nur etwa 10 Prozent der neu errichteten Wohnfläche im Burgenland entfallen auf den mehrgeschossigen Wohnbau. 90 Prozent sind ein- und zweigeschossige Gebäude – typischerweise Einfamilienhäuser. Genau diese fallen aus dem Untersuchungsrahmen der Studie.
Im mehrgeschossigen Segment liegt der Holzanteil bei nur 0,3 Prozent. Das aktuelle Einsparpotenzial beträgt damit rund 21 Tonnen CO₂ pro Jahr – rechnerisch fast vernachlässigbar.
Steigt der Holzanteil im Mehrgeschossbau durch politische und wirtschaftliche Impulse alle fünf Jahre um 5 Prozentpunkte, könnten bis 2050 kumuliert rund 19.300 Tonnen CO₂-Äquivalent vermieden werden. Die Studie sagt dazu klar: Sowohl der Holzanteil als auch der mehrgeschossige Wohnbau selbst können im Burgenland noch deutlich wachsen.
Für das Burgenland heißt das:
1. Im Geschosswohnungsbau – Verdichten, Aufstocken, Ortskerne – liegt ein noch kaum genutztes Klimapotenzial.
2. Der eigentliche Mengeneffekt im Burgenland sitzt zusätzlich im ein- und zweigeschossigen Bauen. Dort ist Holz bereits stärker verankert, wurde in dieser Studie aber bewusst nicht mitgerechnet.
Was die Autor:innen empfehlen
Holz gewinnt an Bedeutung, sobald graue Emissionen in Richtlinien und Vergaben zählen, wie etwa über geplante GWP-Grenzwerte. Förderungen und Wettbewerbe sollten die Herstellungsphase stärker berücksichtigen. Es sollte Holz dort eingesetzt werden, wo es konstruktiv und klimawirksam am meisten bringt, in Decken und tragender Struktur und nicht nur als Sichtoberfläche.
Fazit
Die Studie liefert keine Werbebotschaft, sondern belastbare Kennwerte. Wer im Geschosswohnungsbau Holz statt Beton wählt, senkt fossile Emissionen und speichert Kohlenstoff im Gebäude. Österreichweit ist das Potenzial groß. Im Burgenland ist der mehrgeschossige Holzwohnbau noch ein Nischenthema aber gerade deshalb ein Hebel für Ortskerne, Verdichtung und Weiterbauen mit Holz.
Quelle: Troy, Juri / Schön, Kerstin / Schwarz, Jakobus: *reduce – CO₂-Einsparpotenzial durch verstärkten Einsatz von Holz im Geschosswohnungsbau*. BMLUK-Stiftungsprofessur für Holzbau und Entwerfen im urbanen Raum, TU Wien. Kooperation: proHolz Austria u. a.
